Alte Gaardener Gilde von 1738 e.V.

Geschichtliches zur Gründungszeit



Gaarden ist und war nie der Nabel der Welt. Auch die Alte Gaardener Gilde konnte und wird sich nie als ein solcher bezeichnen können. Trotzdem oder gerade deswegen ist es interessant zu wissen, in welche Zeit die Gründung der Alten Gaardener Gilde fiel, was um die Gründer der Gilde herum geschah, was in nah und fern passierte.

 

In Europa herrschte auf künstlerischem Gebiet das Rokoko, das aus dem Barock hervorgegangen war und dessen Prunkstil durch einen heiter-liebenswürdigen, leichten, graziösen und sinnesfreudigen Dekorationsstil ablöste. Das Jahr 1738 fällt politisch in die Zeit, als König Friedrich Wilhelm 1. Preußen regierte. Der »Soldatenkönig« saß seit 1714 auf dem preußischen Thron. Sein Nachfolger war ab 1740 König Friedrich IL, der Große, der eigenhändig Entwürfe für das im Stil des Rokoko erbaute Schloß Sanssouci bei Potsdam fertigte. Er bestimmte gemeinsam mit bzw. als Widerstreiter gegen Kaiserin Maria Theresia von Österreich die Geschicke Europas in den nächsten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts.

 

Im Osten Europas hatte sich erst wenige Jahrzehnte vor dem uns interessierenden Jahr 1738 die Großmacht Rußland zu entfalten begonnen. Unter dem Zaren Peter dem Großen, der das Land bis 1725 regierte, hatte sich Rußland ein wenig nach Westen geöffnet, um von dessen Fortschritten zu lernen. Noch war der »russische Bär« zu schwach und zu klug, offen auf Eroberung auszugehen. Doch wurden unter der Regentschaft von Peter dem Großen die ersten Weichen für die spätere Expansionspolitik gestellt.

 

In den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts fanden die Polnischen Erbfolgekriege statt; Frankreich mit seinen Verbündeten kämpfte gegen Österreich. 1738 beendete der Friede endgültig diesen Thronfolgekrieg. In Norwegen wurde 1739 das allgemeine Schulsystem eingeführt. 1735-1739 kämpfte eine österreichisch-russische Koalition gegen das Osmanische Reich. In China herrschte Kaiser Kienlung; in Persien war Nadir Schah und kämpfte erfolgreich gegen Afghanen und Türken. 1740 wurde in Pennsylvania die erste Universität gegründet. Dies alles zeigt, daß die Weltgeschichte zur Zeit der Gründung der Alten Gaardener Gilde in Bewegung war.

 

In die ersten Jahre des Bestehens der Gilde fielen auch die englisch-französischen Kolonialkriege, die im Jahre 1757 dem mit Preußen verbündeten England im fernen Indien einen Sieg über die Verbündeten Frankreichs und damit die Herrschaft über den reichsten Subkontinent der Erde brachten. Aber weder in Indien noch in Kanada hätte England siegen können, wenn nicht Preußen die französischen Truppen im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) gebunden hätte.

 

Zehn Jahre nach Beendigung dieses Krieges brodelte es allerdings in den neu-englischen Kolonien. Verärgert über hohe Steuern und Zölle, mit deren Hilfe die durch die ständige Kriegsführung erschöpften Finanzen der englischen Krone aufgefüllt werden sollten, kam es zur »Bostoner Tea Party«, während der die »Söhne der Freiheit« eine Teeladung der britischen Ost-India-Kompanie ins Hafenwasser von Boston schütteten. Dies war der Auftakt zu Gefechten mit britischen Truppen, die im Jahre 1776 zur Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten führten - die Alte Gaardener Gilde war damals bereits 38 Jahre alt, zur Zeit der Französischen Revolution schon 51 Jahre.

 




Karte aus: Alexander Scharff
Schleswig-Holsteinische Geschichte,
Freibug/Würzburg 1982, S45.

In Schleswig-Holstein wurde dagegen keine große Weltgeschichte geschrieben. Dafür war die Geschichte dieses Landes aber ziemlich verworren und im wahrsten Sinne kleinkariert, denn ein Blick auf die Landkarten dieser Zeit vermittelt den Eindruck eines Flickenteppichs: Kleine und kleinste Herrschaftsgebiete bestimmen das Kartenbild, offenbar sind sie völlig willkürlich aneinandergereiht. Ein Gebiet gehörte zum königlichen, das nächste wiederum zum herzoglichen Anteil. Ein Graf berief sich auf den dänischen König, ein anderer wiederum auf einen deutschen Herrscher. Die Legende sagt, daß nur drei Männer über die Geschichte Schleswig-Holsteins Bescheid wüßten: der erste sei verstorben, der zweite sei darüber verrückt geworden und der dritte habe alles wieder vergessen. Ein Blick auf die Landkarte, die die Verhältnisse am Ende des 17. Jahrhunderts zeigt, verdeutlicht, warum diese Legende gewiß ein Fünkchen Wahrheit enthält.

 

Seit 1725 war Herzog Karl Friedrich von Holstein-Gottorf mit Anna Petrowna, einer Tochter von Zar Peter dem Großen, verheiratet und residierte von 1727 bis zu seinem Tode 1739 in Kiel. Bereits 1725 wurde er Schützenkönig der Großen Grünen Schützengilde in Kiel. Er war ein unversöhnlicher Gegner Dänemarks und nicht bereit, den mit Beendigung des Nordischen Krieges im Jahre 1721 verbundenen Verlust der Gottorfer Besitzungen in Schleswig hinzunehmen. Auch sein Sohn Karl Peter Ulrich, der 1762 als Zar Peter III. den russischen Thron bestieg und bereits als Vierjähriger im Jahre 1732 Schützenkönig der Großen Grünen Schützengilde in Kiel geworden war, wollte um die jetzt dem dänischen König unterstellten ehemaligen Gottorfer Gebiete in Schleswig kämpfen. Die drohende Revanche und damit ein erneuter Krieg in und um schleswig-holsteinische Gebiete wurde erst nach Ermordung des Zaren verhindert. Seine Gemahlin, Kaiserin Katharina IL, verzichtete im Rahmen eines Tauschvertrages zwischen Dänemark und Rußland auf diese Gebiete, so daß der größte Teil Schleswig-Holsteins im Jahre 1773 unter dem dänischen König vereinigt werden konnte. Für Kiel endete damit auch die Zeit als Residenz.

 

In Kiel residierte also zur Zeit der Gründung der Alten Gaardener Gilde ein Mann, der sehr eng mit dem russischen Herrscherhaus aber auch mit dem Gildewesen verbunden war. Diese Tatsachen hat auch die Gilde selbst zu spüren bekommen, da ihre Satzung vom russischen Zaren genehmigt werden mußte.


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